Longchamp und seine heikle Doppelrolle

Von Peter Metzinger

Claude Longchamp ist in der Schweiz ein führender Meinungsforscher, dessen Position so stark ist, dass man fast von einem Monopol reden kann. Seine Analysen dienen sämtlichen Parteien und dem Schweizer Fernsehen als Grundlage ihrer Prognosen für die alle 3 Monate stattfindenden Volksabstimmungen. In den letzten Wochen allerdings ist er heftig unter Kritik geraten, weil er sich bei der letzten Abstimmung massiv verschätzte. Claude Longchamps Meinungsumfragen waren in die Kritik geraten, nachdem sein GfS-Institut für die Minarett-Abstimmung eine Nein-Mehrheit von 53 Prozent vorausgesagt hatte, das Stimmvolk die Initiative jedoch mit 57 Prozent annahm. Schweizer Fernsehen und Radio entschieden daraufhin, bis auf weiteres keine Prognosen der GfS mehr zu veröffentlichen.

Seit mehreren Tagen nun ist Longchamp zusätzlicher Kritik unterworfen. Die Sonntagszeitung zum Beispiel wirft ihm vor, er arbeite für zahlungskräftige Kampagnenorganisationen der Wirtschaft und nutze Umfragen gezielt, um Meinungen zu machen anstatt sie zu erfragen. Es ist ein offenes Geheimnis unter Campaignern, dass man gezielt Informationen verbreiten kann, indem man sie in Meinungsumfragen verpackt, sozusagen tarnt.

Zitat: “Am 8. Januar führte GfS eine Telefonbefragung zur Senkung des Umwandlungssatzes der Pensionskassen durch. Über die Vorlage wird in sechs Wochen abgestimmt. Im Gespräch mit einem Mitarbeiter der SonntagsZeitung, der an der Umfrage teilnahm, erläuterte die GfS-Mitarbeiterin die Folgen einer Senkung: Die Renten würden zwar «kleiner», dafür aber «länger» ausbezahlt. Ein offensichtlicher Unsinn, denn die Dauer der Pensionskassenbezüge hängt nicht vom Umwandlungssatz ab – die Rente wird bis ans Lebensende ausbezahlt. «Mit meinem Hinweis auf den sachlichen Fehler konnte die Frau am Telefon nichts anfangen», erzählt der Befragte. Höchstwahrscheinlich handelte es sich um eine Umfrage im Auftrag des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse. Urs Rellstab von Economiesuisse teilte mit, dass GfS in seinem Auftrag mehrere Befragungen zur Pensionskassen-Abstimmung durchführe. Longchamp liess über seinen Sprecher Lukas Golder lediglich ausrichten, es handle sich um einen «Auftrag von privater Seite», die Studie werde nicht veröffentlicht.” Quelle: www.sonntagszeitung.ch/nachrichten

Es wundert mich nicht, dass Claude Longchamp für seine Doppelrolle als Meinungsforscher und Campaigner kritisiert wird. Denn wie kann man einerseits glaubwürdig kommunizieren, als produziere man rein wissenschaftliche Umfragen und andererseits die Industrie – aber auch Gewerkschaften und andere Organisationen – beim Campaigning beraten, also Strategien mit entwickeln, die zum Abstimmungserfolg führen, wenn man gleichzeitig nicht offenlegt, wer was finanziert?

Was mich wundert ist, dass alle so tun, als hätten sie das nicht gewusst. Schon 2005 wurde Longchamp diese Doppelrolle vorgeworfen, wie man im unten zitierten Artikel des Tages-Anzeigers sieht. Und ausserdem unterrichtet Longchamp Campaigning an verschiedenen Schweizer Fachhochschulen. (Er ist aber nicht Mitglied des Branchenverbands pro:campaigning.)

Tages-Anzeiger; 19.11.2005; Seite 3

Longchamp und seine heikle Doppelrolle

Claude Longchamp erstellt nicht nur Meinungsumfragen, sondern arbeitet im Hintergrund auch für Verwaltungen, Parteien und Verbände. Das ist nicht unproblematisch.

Von Matthias Baer

«Campaigning – wenn die Politik der Zeit voraus ist»: Mit diesem offensiven Slogan kündigte das Forschungsinstitut GfS Bern seine Jahrestagung von dieser Woche an. Unter Campaigning wird eine zielorientierte Kommunikation verstanden, die weit über zeitlich beschränkte Kampagnen hinausgeht. Campaigning ist beispielsweise, wenn sich die Gewerkschaften über Jahre für höhere Löhne im Verkauf einsetzen oder die Pharmaindustrie ein günstiges Klima für die Gentechnologie zu schaffen versucht. Es gehe darum, warb Institutsleiter Claude Longchamp für die Tagung vom Mittwoch, «den guten Ruf einer Organisation, eines Verbandes oder einer Person in der Öffentlichkeit strategisch zu entwickeln und täglich zu mehren».

Konkurrenzvorteile anpreisen

Rund 200 Zuhörer aus Verwaltung, Verbänden, Parteien und Privatwirtschaft nahmen schliesslich an der GfS-Veranstaltung im Kongresszentrum Kursaal Bern teil. Stolz wurde ihnen eine vom Institut entwickelte «integrierte Kommunikationsanalyse» präsentiert, eine «Verschmelzung» aus Image-, Medien- und Zielgruppenanalyse. Es war, zumindest ein bisschen, wie auf einer Verkaufsmesse. «So verschafft man sich Konkurrenzvorteile, gewinnt man neue Kunden oder sichert sich die Unterstützung von Anspruchsgruppen», lobte Projektleiterin Monia Aebersold das «Analyse-Instrument». Einmal mehr bieten sich die GfS-Forscher damit als Berater an. Auch in Abstimmungskampagnen arbeitet das Institut für die Akteure und klärt sie über Ausgangslage und Chancen auf.

Das ist heikel: Immerhin handelt es sich bei GfS Bern um jenes Institut, das für die SRG vor nationalen Urnengängen Meinungsumfragen ermittelt – und die Volksentscheide nachher in Vox-Analysen erläutert. Zudem tritt Longchamp, unbestritten einer der brillantesten Politanalysten im Land, an Abstimmungs- und Wahlsonntagen jeweils als unbestechlicher Erklärer auf.

Ueli Haldimann, Chefredaktor des Schweizer Fernsehens, negiert jegliche Probleme: «Er hat Aufträge von links bis rechts, was zeigt, dass er bei allen als unparteiisch gilt. Und er liefert nur Analysen und führt keine Kampagnen.» Der Rollenkonflikt ist dennoch nicht vom Tisch: Es bleibt der Verdacht, dass Longchamp den politischen Input mit beeinflusst, danach den möglichen Output misst und schliesslich den tatsächlichen Output kommentiert.

Vor allem seine Engagements für die Bundesverwaltung sind umstritten. «Millionenschwere Staatskampagnen» begännen mit Longchamps «meist nie publizierter Erforschung der Meinung der Bevölkerung», monierte die «Weltwoche». Ein gewisses Unbehagen formuliert auch Politberater Iwan Rickenbacher: «Es braucht eine klare Unterscheidung zwischen jenen, die wissenschaftliche Daten erheben, und jenen, die bei Kampagnen mitwirken.» Diese kritische Anmerkung hat Gewicht, denn Rickenbacher ist Vorstandspräsident der Schweizerischen Gesellschaft für praktische Sozialforschung, die an GfS Bern beteiligt ist.

Skepsis gegenüber Longchamp manifestiert sich auch in Wissenschaftskreisen. Der Zürcher Politologieprofessor Hanspeter Kriesi lobt zwar dessen Analysen, schränkt dann aber ein: «Er ist kein Wissenschafter, sondern eher ein Berater und ein guter Geschäftsmann.» Misstraut wird weniger der Qualität seiner Umfragen als der Geheimniskrämerei. «Es ist unwissenschaftlich», sagt Werner Seitz vom Bundesamt für Statistik, «nur die Umfrageergebnisse zu publizieren, die Rohdaten aber unter Verschluss zu halten. So entzieht man sich der Kontrolle durch andere Wissenschafter.»

Longchamp selbst empfindet solche Kritik als ungerecht – und reagiert entsprechend unwirsch. Der Mehrheitsaktionär von GfS Bern sieht sich als Forscher und kann keinen Rollenkonflikt ausmachen. Es stimme nicht, dass er geheime Umfragen für den Bund erstelle. Seit sich die Informationsbeauftragten 2001 darauf geeinigt haben, die Ergebnisse sämtlicher vom Bund in Auftrag gegebenen Umfragen zu veröffentlichen, habe er keine neuen Aufträge erhalten. Zudem mache er auch seltener nicht öffentliche Umfragen für Komitees. Grund dafür ist die Partnerschaft, die er vor rund einem Jahr mit der SRG eingegangen ist. Seither sondiert er die meisten Abstimmungsvorlagen fürs Fernsehen.

Als geradezu absurd erachtet Longchamp das Bild von ihm als politischer Berater. «Wir stellen den Organisationsverantwortlichen Forschung zur Verfügung, wir beraten sie nicht», sagt er. Denn von Beratung könne erst dann gesprochen werden, wenn man bei der Umsetzung des Analysierten eine Mitverantwortung trage – und genau eine solche übernehme er nie. «Diese Definition finden Sie auch in der Fachliteratur.» Mit der in Bern vorgestellten «integrierten Kommunikationsanalyse» betreibe man nicht Campaigning, sondern stehe Campaignern mit Analysen und Interpretationen zur Seite.

Eben doch ein bisschen Beratung

Allerdings bleiben gerade in diesem Punkt Fragen. Denn so einfach lassen sich Analyse und Campaigning nicht trennen. «Eine gute Analyse macht 90 Prozent der Strategie aus», sagt Peter Metzinger, Präsident des Branchenverbandes Procampaigning und früher Campaigner bei Greenpeace. Das Wissen um eigene Schwächen zeige den Weg zum Ziel schon auf. Resultiere beispielsweise in einer Umfrage, dass bei einer Vorlage in den Städten zwar eine hohe Zustimmung, aber nur eine geringe Wahlbeteiligung zu erwarten sei, müssten dort Mobilisierungsaktionen durchgeführt werden. Genauso war es bei der Abstimmung über die Personenfreizügigkeit.

Im Prinzip gesteht dies auch GfS Bern ein. «Kennt die Organisation die einzelnen zentralen Komponenten ihres Images», sagte Forscherin Monia Aebersold im Kursaal Bern, «kann sie mit strategischer Kommunikation gezielt in die Image-Gestaltung in der Öffentlichkeit eingreifen.» Auch den Begriff Beratung tabuisierte sie nicht. Das Institut GfS, so Aebersold, könne Organisationen «bei jedem wichtigen Schritt in dieser Campaigning-Spirale beratend zur Seite stehen».

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